22. Johann Baptist Schaul. Briefe über den Geschmack in der Musik. Carlsruhe, 1809. pp. 7-12.

Fétis, 1835, tells us that Schaul was "musicien du cour du roi de Wurtemberg, mort à Stuttgard le 23 août 1822, était en mê me temps professeur de la langue italienne..." (a musician at the royal court in Wurttemberg, who died August 23, 1822, he was at the same time a professor of the Italian language...) The Briefe were his only published work on music.

...Boccherinis Werke, den wir schon seit dreyßig und noch mehrern Jahren Kennen, neuerdings in Paris aufgesucht und gestochen worden sind.

Hier kann ich mich nicht entbrechen, auszurufen. O welch schöner Triumph der Wahrheit! welch glänzender Ruhm für ihn! und welch große Beruhiging für uns, die wir seine größten Verehrer sind! Gepreisen seist du, o Sohn der melodiereichen Harmonie, göttlicher Boccherini, du Redner und Dichter zugleich, du unsers Herzens Wonne! du verjüngst dich im Greisenalter: für jeden Liebhaber der Wahrheit entsteigst du wieder neugeboren dem Grabe, wie die Sonne wirst du glänzen, indeß kaum ein Laut von dem Namen deiner Nebenbuhler mehr hörbar sein wird!

Wie höhnisch würden die Mozartianer lachen wenn sie dies hörten! Aber welch ein Unterschied zwischen einem Mozart und einem Boccherini! Jener führt uns zwischen schroffen Felsen in einem stachlichen, nur sparsam mit Blumen bestreuten Wald; dieser hingegen in lachende Gegenden, mit blumigen Auen, klaren, rieselnden Bächen, dichten Haynen bedeckt, worinn sich der Geist mit Vergnügen der süßen Schwermuth überläßt, die ihm auch ferne von jenen anmuthigen Gegenden noch süße Erquickung gewährt.

Ganz anders würde die Sprache der abgöttischen Verehrer Mozarts lauten; sie würden sagen: Ihr geistlosen, unwissenden Menschen, die ihr seyd: Die Natur hat euch das zarte Gefühl und die feine Beurtheilungskraft versagt, wodurch man allein in Stand gesetzt wird, die noch nie gehörten Schönheiten, von denen die Werke unsers einzigen strotzen, einzusehen und zu genießen! Immer neu, immer fruchtbar, immer Schöpfer, weiß er nie, was das heißt, anderer Eigenthum zu entwenden! seine genie ist eine unerschöpfliche, überfließende Quelle, welche jedes Erdreich überströmt, und nichts als die süßesten Fruchte lebendigmachender Kraft und die heißesten Dankgefühle gegen den allgütigen Geber, der uns eines so kostbaren Geschenkes gewürdiget hat, hinter sich läßt. Wer Ohren hat, der höre! Meine Antwort wäre: Ich erkenne alle die großen Verdienste eures Originals: ja, ich bewundere die sinnreiche Kunst jenes musikalischen Dedalus, der so große, undurchdringliche Labyrinthe zu bauen gewußt hat; aber ich kann die Ariadne nicht finden, die mir den Faden reicht, um den Eingang, noch weniger den Ausgang entdecken. –Nie wird man aber jenen Pseudokunstkennern begreiflich machen können, daß der Weg, den ihr Vorbild aller Vollkommenheit sich bahnte, nicht der wahre sey. Sie sind von seinem Schimmer so verblendet, daß sie außer ihm beynahe gar kein anderes Verdienst mehr anerkennen. Sie wollen etwas Mystisches, denn dies giebt ihnen gewisses Ansehen von Eingeweihten in die Mysterien der Kunst, indem sie die einfache Natur den Geistesarmen überlassen. Wie glücklich schätz'ich mich aber, eine solche wohlthätige Geistesarmuth zum Loose erhalten zu haben. Ich urtheile nicht blos nach dem, wie die neuern Compositionen auf mich wirken, sondern nach dem, was der Hauptzweck der Kunst ist und seyn soll. (...)

In Haydns Quartetten z.B. werd' ich immer das schöpferische Genie bewundern, das, wie ein anderes Cameleon alle möglichen Gestalten anzunehmen weiß. Hat er einmal das Motiv eines Allegro bestimmt, so trägt er es auf hunderterley Arten vor, indem er bald dem Baß, bald den Alt, bald die zweyte, oder die erste Violin, bald in einem Nu, mit einem Pinselstriche das Ganze verändert, und dennoch immer das Thema hervorleuchtet, sodaß man nicht umhin kann, darüber zu erstaunen. Seine Adagio athmen immer Neuheit, überraschende Ver-änderung; seine unvergleichlichen Menuette sind voll Laune und Munterheit. Und doch zieh' ich ihm unsern Boccherini vor. (...)

Ich leugne nicht, daß Haydns Quartette unter allen neuen Compositionen dieser Art nur das meiste Vergnügen gewähren; es ist ein Vergnügen des Verstands, willkührliche Auslegung. Boccherinis Werke hingegen haben immer ein herrschende, bestimmte Grundidee, die gleichartige, interessante Bilder darstellt; man wird dadurch erschüttert, gerührt, in unruhige Bewegung versetzt; das Herz wird hingerissen, und fühlt noch lange nachher die tiefen Eindrücke seiner Zaubertöne. Wer also sein Lob zu machen unternimmt, kann nie genug von ihm sagen. Welchen Reichthum von edlen Gedanken! Nichts Schwülstiges, Gesuchtes, Trocknes, überflüssiges ist in seiner Musik; alles kommt aus den Herzen. Seine Einbildungskraft ist feurig, ohne zügellos zu seyn. Die Philosophie, die Philosophie, sag ich, ordnet das Ganze, die weise ökonomie läßt ihn niemals die Gränzen überschreiten; die Ausführung seiner Ideen ist demnach immer regelmäßig und vollkommen; seine Modulationen sind nie widrig, hart an den Haaren herbeigezogen; läßt er auch zuweilen einen bittern Tropfen mit einfließen, so thut er es nur, um dem Geschmacke die Süssigkeit seines Göttertranks um so fühlbarer zu machen.

Und welche Melodie findet man nicht in den einfachsten Begleitungsstimmen! Alles singt. Es ist nicht Eine Note, die nicht sprechend wäre, nicht eine mit der Hauptstimme übereinstimmende Sprache hätte. Es erfordert auch keine lange Untersuchung, kein mühsahmes Kopfbrechen, um den Sinn davon zu errathen. Jede Stimme stellt, so zu sagen, ein Person einer Familie vor, deren Glieder sich wechselseitig ihre Geheimnisse, ihren Kummer mit einer solchen Herzlichkeit, Theilnahme und Wärme anvertrauen, daß sich jeder Zuhörer in die Zeiten der Unschuld und Rechtschaffenheit versetzt glaubt. Kurz es ist ein menschen-freundlicher, leutseliger Autor, ohne allen Anspruch und Eigendünkel. Frey und freygiebig theilt er seine Gedanken mit. Und wie er die Natur des Violoncells und der Violin versteht! Wie er weiß, wo, so zu sagen, der Nerv der Töne sitzt; wodurch man sich des Herzens bemächtigen kann, und seinen Zweck nie verfehlt; das heißt, daß die Melodie unzertrennlich mit der Harmonie verbunden seyn muß, um auf das Herz zu wirken! (...)

Zwar ist seine Musik nicht für jedermann. Um sie nach Verdienst zu schätzen,– so wie es überhaupt bey Quartetten u.d.g. ist– gehören gefühlvolle Kenner dazu, die seiner seltenen Schönheiten empfänglich sind. Und dann muß seine Musik beim Schimmer der Lichter, in keinem allzugrossen Zimmer gespielt werden. Die Musiker müssen sie einen Zeitlang zusammen studirt, und, so zu sagen, den Lebenssaft, der auch einen Halbtodten wieder erwecken könnte, daraus gezogen haben. Die Zuhörer müssen, gleichsam in Todesstille versunken, von den Spielenden entfernt sitzen, um sie nicht der Zerstreuung und Störung auszusetzen; diese aber, wenn sie ihre Instrumente gestimmt haben, müssen sich des, jedem empfindlichen Ohre, so unangenehmen Präludirens enthalten, um die schöne und große Wirkung nicht zu schwächen, welche Stille und überraschung so wunderbar hervorzubringen wissen. Kurz, alles muß wie in einem Heiligthum seyn. Aber dann, welche Musik! Mit diesem Vergnügen ist keines zu vergleichen. Jedes Herz schwimmt in einem Meer von Wonne; jeder glaubt sich in einem Elyseum versetzt. Und so wird die bezaubernde Kunst der Töne allein nach Verdienst und Würde geehrt und genossen.


...Boccherini's works, which we have already known thirty and more years, have lately been sought-after and engraved in Paris. Here I cannot refrain from crying out. Oh what a beautiful triumph of Truth! What shining renown for him! and what great reassurance for us, who are his most devoted admirers! May you be praised, oh son of melodious harmony, divine Boccherini, you orator and poet both, our hearts' delight! You rejuvenate yourself in grey old age: for every lover of Truth you arise again new-born from the grave; you will shine like the sun, so that scarcely a tone from the name of your rivals will be audible! How scornfully the Mozartians would laugh if they heard this! But what a difference between a Mozart and a Boccherini! The former leads us between jagged rocks in a thorny forest, only sparsely strewn with flowers; the latter, in contrast, into a smiling country, graced with blooming pastures, clear, flowing brooks, thick groves, wherein the spirit gives itself up with pleasure to sweet melancholy, that even far from that charming country still gives sweet refreshment. The speech of the idolatrous admirers of Mozart would sound very different; they would say: Spiritless, ignorant men that you are: Nature has denied you that tender feeling and fine discrimination, alone through which one is enabled to perceive and enjoy the proper beauties, with which the works of our Only One are inflated! Always new, always fruitful, always a Creator, he never knows what it means to steal another's property!

His genius is an inexhaustible, overflowing spring, which inundates every earthly kingdom, and leaves behind it nothing but the sweetest fruits of life-making strength, and the warmest gratitude toward the all-bountiful Giver, who has deemed us worthy of one of his so precious gifts. Let him who has ears hear! My answer would be: I am aware of all the great merits of your original: indeed, I marvel at the ingenious art of this musical Daedalus, who has understood how to build such great, impenetrable labyrinths; but I cannot find the Ariadne to show me the thread by which to find the entrance, much less the exit. – Never will these pseudo-connoisseurs be able to grasp that the way which their model of all perfection shows them might not be the true one. They are so blinded by his brilliance that they are almost unable to appreciate any other merit than his. They want something mystical, by which they are given the indubitable appearance of initiates into the Mysteries of Art, and by which they may surpass the simple nature of the ignorant. But how fortunate I consider myself, to have attained such a salutary ignorance as my lot! I simply do not cast my opinion with these, as to how the new compositions affect me, nor with those, as to what the highest purpose of art is and shall be. (...) In Haydn's quartets, for example, I always marvel at this creative genius that knows, like another kind of chameleon, how to take all possible forms. Once he has presented the motive of an Allegro, he then expounds it in a hundred styles, now in the bass, now in the alto, now in the second or the first violin, now in an instant changing the whole with a stroke of his brush – and yet always the theme shines through, so that one has no choice but to be astounded. His Adagios always breathe freshness and astonishing variety; his incomparable Minuets are full of caprice and sprightliness. And yet I prefer our Boccherini to him (...)

I will not deny that Haydn's quartets, among all new compositions of this type, give the greatest satisfaction; it is a satisfaction of the intellect, of wilful construction. Boccherini's works, in contrast, always have a ruling and particular basic idea, that presents uniform and interesting pictures; one is set a-quiver, agitated, set in restless motion by them; the heart is enthralled, and feels long afterward the deep impressions of his magic tones. He who thus undertakes his praise can never say enough of him. What a wealth of noble ideas! Nothing pompous, studied, dry or excessive is in his music; everything comes from the heart. His imagination is fiery without being unbridled. Philosophy, philosophy, I say, orders the whole, its economy never allowing him to overstep the bounds; the execution of his ideas is thereby always regular and complete; his modulations are never arbitrary or far-fetched; should he sometimes let fall a bitter drop, he does so only to make the flavor of the sweetness of his heavenly drink the more vivid.

And what melody cannot be found in the simplest accompanying parts! Everything sings. There is not one note that is not speaking, not one that is not in harmonious conversation with the main part. It requires no great understanding or tiresome study to divine the sense of this. Every part represents, so to speak, a person in a family, the members of which mutually impart their secrets and their sorrows, with such affection, compassion and warmth, that every listener will believe himself returned to the times of innocence and righteousness.

In short, he is an affable, genial author, lacking all pretense and conceit. He communicates his ideas freely and liberally. And how he understands the nature of the violoncello and the violin! How well he knows where, so to speak, the nerve of the tone sits; through which he can seize our hearts, and never fail to reach his goal; that is, that melody must be inseparably bound with harmony, in order to work upon our hearts! (...)

Certainly his music is not for everyone. The capacity to value it according to its merits – as generally is the case with quartets and similar works – requires sensitive connoisseurs, who are receptive to his rare beauties. And then his music must be played by shimmering lights, in rooms that are not too large. The musicians must have studied together for a long time, and thereby have extracted that life-juice, so to speak, that can arouse even someone half-dead. The listeners must sit at some distance from the players, sunk, as it were, in the silence of the grave, so that they cause neither distraction nor disturbance; the players, however, once they have tuned their instruments, must refrain from those preludes so unpleasant to every sensitive ear, so as not to weaken the beautiful, grand effect which such stillness and surprise call up so wonderfully. In short, everything must be as in a holy place. But then, such music! There is nothing to be compared with these pleasures.

Every heart swims in a sea of bliss; everyone believes himself transported to Elyseum. Only in this manner can the enchanting art of tones be enjoyed and honored according to its worth and value.