16. Giuseppe Cambini (?). from "Ausführung der Instrumentalquartetten", Allgemeine musikalische Zeitung, no. 47, 22 Aug. 1804.

Meine Meynung ist deswegen, es sollten sich an jedem Orte, wo es Männer giebt, die ihre Kunst aufrichtig lieben, und so viel Einsicht, Uebung und Gefühl haben, um den eigentlichen Unterschied zwischen Tonkünstler und Musikant (vielleicht sehr geschikter, schätzenswerther Musikant) fest fassen zu können– diese Männer, sag' ich, sollten sich zusammenthun und Quartetten studiren und ausführen lernen. Ja ja, lernen sag' ich: denn auch bey ihnen kommt das nicht von selbst und sogleich; studiren sag' ich: denn auch sie durchdringen den Sinn solcher guten Werke nicht sogleich in einen einzelnen Theilen. Sie müssten, noch einstimmiger als ihre Instrumente, die vorzüglichsten Werke dieser Gattung oft wiederholen, alle Nüanzen des beabsichtigen Vortrags dadurch kennen lernen– wie hier mehr Helldunkel, dort mehr Mitteltinten angewendet, hier der Accent nach und nach pathetisch, stark, gross, oder naiv, oder schneidend, oder weich werden soll, und wie nun, nach solcher Ausführung des Einzelnen, der Sinn des Ganzen (und folglich des Komponisten selbst) hervorgehet. Darüber müssten sie nun ihre Gedanken einander mittheilen, und ihre Eigenliebe därfte sich nur darauf beschränken, wie sie zusammen, ein schönes Gemälde liefern wollten. Die Früchte solcher Studien wären für sie selbst der vollkommenste Genuss und die Achtung aller Sachver-ständigen. In meiner Jugend habe ich sechs glückliche Monate in solchem Studiren und solchem Genuss verlebt. Drey grosse Meister– Manfredi, der vorzüglichste Violinist in ganz Italien, in Absicht auf Orchester- und Quartettspiel, Nardini, der als Virtuos durch die Vollendung seines Spiels so berühmt geworden, und Boccherini, dessen Verdienste bekannt genug sind, erzeigten mir die Ehre, mich als Bratschisten unter sich aufzunehmen. Wir studirten auf die angegebne Weise Quartetten von Haydn (die, welche jetzt in der Suite Op. 9, 17 und 21 ausmachen,) und von Boccherini, die dieser damals eben schrieb und man noch immer so gern hört; und ich darf selbst sagen, dass wir mit dem, was wir so einstudirt hatten, wie Zauberer auf die wirkten, denen wir vorspielten. Der beste Akteur wird es nicht wagen, eine Scene aus einem bedeutenden Schauspiel zu geben, ohne sie öfters durchgegangen zu seyn: mir thut's oft in der Seele wehe und unwillkührlich muss ich mit den Achseln zucken, wenn ich Musiker sagen höre: Kommen Sie, wir wollen Quartett spielen! eben so leicht hin, als man in der Gesellschaft spricht, Kommen Sie, wir wollen eine Parthie Reversis spielen! Da muss ja wohl die Musik vag und ohne Bedeutung bleiben, und es ist kein Wunder und auch kein Grund zur Beschwerde da, wenn die Anwesenden nicht drauf hören mögen, oder gähnen, wie– die Leser dieses meines Aufsatzes.


My opinion is that in every place where there are men who honestly love their art, and who have enough insight, experience, and feeling to be able to tell the real difference between a musical artist, and a mere musician (even a very skilful and estimable musician)– these men, I say, should get themselves together, and study quartets and learn to perform them. Yes, yes, I say learn: for this will not come to them by itself or instantly; I say study, for they will not penetrate all at once to the meaning in all the separate sections of such good works. They should, working even more in unison than do their instruments, often repeat the foremost works in this style, thereby learning all the nuances of the intended execution– how here to apply more chiaroscuro, there more mezzotint; here the accent should become little by little pathetic, strong, grand, or naive, or piercing, or weak; and how now, after such execution of separate matters, the meaning of the whole (and consequently of the composer himself) arises. Meanwhile they must put their thoughts together, and their egos must thereby limit themselves, producing a beautiful picture together. The fruits of such studies will be the most perfect satisfaction for them, as well as the esteem of all connoisseurs. In my youth I passed six fortunate months in such study and such gratification. Three great masters– Manfredi, the foremost violinist in all Italy with respect to orchestral and quartet playing, Nardini, who has become so famous as a virtuoso through the perfection of his playing, and Boccherini, whose merits are well enough known, did me the honor of accepting me as a violist among them. In this manner we studied quartets by Haydn (those which now make up opera 9, 17, and 21) and some by Boccherini which he had just written and which one still hears with such pleasure; and I may say myself that with what we had so thoroughly rehearsed we worked miracles upon those for whom we played. The best actor would not dare to give a scene from a distinguished play without having often gone through it: it causes me grief, and I must shrug my shoulders helplessly, when I hear musicians say: Come on, let's play quartets!– just as lightly as one says in society: Come on, let's play a game of Reversis! Then must music indeed remain vague and without meaning, and it is no wonder, and no ground for complaint, when the audience does not wish to hear more of it– or yawns, like– the reader of this my essay.